Muss sich das Leben ausgeglichen anfühlen?
„Und, bist du im Moment ausgeglichen?“ - hat mich vorgestern eine gute Freundin gefragt.
Ich musste lachen.
Weißt du was? Ganz ehrlich: Nein! Ich bin nicht ausgeglichen. Ich bin eigentlich immer hin- und hergerissen zwischen Ideen, Anforderungen, Perspektiven, Unsicherheiten. Zwischen dem Wunsch nach Klarheit – und der Einsicht, dass es sie meistens nicht gibt.
Früher hat mich das gestört. Ich dachte, ich muss zur Ruhe kommen, die Dinge in Balance bringen, alles irgendwie ausgleichen. Habe mich mit schlechtem Gewissen zu Tode meditiert und nur heimlich gezweifelt.
Heute sehe ich das anders. Ich glaube nicht mehr daran, dass Balance immer das Ziel sein muss.
Ich denke sogar, dass sie manchmal eine Falle ist.
Weil sie vorgaukelt, dass es eine Mitte gibt – eine Lösung, die alles verbindet, alles versöhnt, alles stabilisiert.
Aber so funktioniert mein Leben nicht. Und auch nicht meine Arbeit.
Es geht nicht darum, Gegensätze aufzulösen – sondern sie auszuhalten. Nicht darum, Harmonie herzustellen – sondern mit Spannungen umgehen zu können.
Was mich wirklich trägt, ist nicht Ausgleich, sondern Beweglichkeit. Die Fähigkeit, mich zu justieren und die Extreme zu jonglieren, auch mal in Schieflage zu denken und trotzdem zu handeln, wenn es offensichtlich keine richtige Lösung gibt.
Nein, ich bin nicht ausgeglichen, aber ich bin lebendig, wach und offen für Veränderung.
Und das fühlt sich inzwischen ziemlich richtig an. Na ja, so richtig, wie es eben geht.
Wie ist das bei Dir? Muss sich dein Leben im Gleichgewicht anfühlen – oder darf es auch mal wackeln?
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